StartseiteLifeRidingReitkultur & Rollkur

Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter,
als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: "Nein!"

(Tucholsky)

NEIN zu Rollkur & Hyperflexion! -





"Hyperflexion ist die exzessive Beugung eines oder mehrerer Gelenke,
die dazu geeignet ist, Verletzungen herbeizuführen".

(FN-Tierarztes Dr. Düe)


WAS ist die Rollkur?

Als Rollkur wird eine "Trainingsmethode" bezeichnet, in welcher der Pferdekopf durch ein gewolltes Herabziehen,
mit Hilfe der Zügel und massiver Handeinwirkung in Richtung Brust gezwängt wird.
Hierbei wirkt der Reiter derart stark auf die Zügel ein, dass er sein Pferd zum Senken des Kopfes und Einrollen des Halses zwingt. Je nachdem, wie stark der Druck auf die Zügel ist, "beißt" sich das Pferd in die Brust.
Die Nasen-/Stirnlinie befindet sich hinter der Senkrechten.
Pferde, die dauerhaft in einer solchen Position geritten werden, fügen sich "ihrem Schicksal"
und es ist zur Beföderung in die Rollkur kaum noch Zügeldruck notwenig, man nennt dies auch
eine erlernte Hilflosigkeit.
Das Genick ist dabei dauerhaft NICHT mehr höhster Punkt, so wie es eigentlich jede Reitlehre vorgibt.
Ein Pferd, das mit aufgerolltem Hals trainiert wird, lernt, dass es keine Chance hat,
sich zu wehren und zwar egal, ob die Übung zu schwierig ist, das Pferd aus der Balance kommt
oder das Pferd überanstrengt ist. Die Rollkur-Position wirkt wie ein Polizeigriff.
Das Pferd kann sich nicht aus der Position befreien. Es wird komplett dominiert und jegliche Eigenständigkeit,
welches auch das Sehen und Wahrnehmen seiner Umgebung betrifft, wird ihm abgesprochen.
Ein Pferd, das nicht in einer solchen Zwangshaltung läuft und sein Gleichgewicht verliert,
würde den Kopf nach oben nehmen und seinen Hals als Balancierstange nutzen.
Auch bei einem plumpen Einsitzen im Sattel, wenn der Reiter dem Pferd in den Rücken fällt
oder wenn es in der Ferne etwas beängstingendes erspäht, würde es den Kopf heben,
doch das ist ja nicht gern gesehen. Das Motto lautet: "Die Rübe muss runter! Egal wie."
Die Pferde werden über die Rollkur gefügig gemacht!

"Ausbildung darf immer nur Verfeinerung und Vervollkommnung der Natur darstellen.
Wird diese Natur auch nur im Geringsten vergewaltigt,
verliert sie ihren durch nichts zu ersetzenden Stellenwert.
Wer einem so stolzen, herrlichen Geschöpf dieser Schöpfung seinen Adel nimmt,
degradiert es – und gleichzeitig sich selbst als Mensch."

(Kurt Albrecht - Leiter der spanischen Reitschule Wien, 1996)


Hat man die alten Reitmeister falsch verstanden?

Da das deutsche Wort "Rollkur" auch auf internationaler Ebene in der Diskussion verwendet wurde,
entstand auf der Tagung der Internationale Reitervereinigung FEI im Januar 2006 der Vorschlag,
die Methode verständlicher zu benennen als "Hyperflexion of the neck", übersetzt: "Überdehnung des Halses".
Was damit gemeint ist, wurde definiert:
"Hyperflexion des Halses ist eine Ausbildungsmethode, um einen Grad von Längsbiegung im mittleren Halsbereich zu erreichen. Hyperflexion kann von einem Pferd über einen längeren Zeitraum aber nicht gehalten werden."
Der Namensteil Flexion soll dabei eine Verwandtschaft zur Methode François Bauchers,
die heute noch vom Cadre Noir angewandt wird, andeuten.
Während Baucher eine starke Dehnung des Halses zur Seite erreichen möchte,
(über welche man aus unserer Sicht zu recht diskutieren darf und sollte)
um darüber die Beweglichkeit des Pferdes für alle Seitengänge und Wendungen zu fördern,
lehnt er die Dehnung nach unten jedoch vollständig ab!!

"Ein parallel zum Boden ausgestreckter Hals ist für das Pferd nicht nur deswegen ausgesprochen nützlich, weil es auf diese Weise besser sieht und das Terrain besser taxieren kann, sondern hilft ihm darüber hinaus auch, die Lendenpartie besser zu entspannen und zu strecken und entlastet damit gleichzeitig auch die Sprunggelenke. Und nachdem es Nierenpartie und Sprunggelenke sind, die die meiste Arbeit dabei leisten, ist es von höchstem Nutzen, sie zu entlasten und zu schonen; nicht nur um ihre Leistung zu verbessern, sondern auch um ihren Verschleiß so gering wie möglich zu halten. Dazu kommt, dass das Pferd das Gewicht des Reiters leichter trägt, wenn es ihm möglich ist, Nieren-und Beckenpartie in natürlicher Form zu wölben."
[Federico Caprilli. In Carlo Giubbilei, Federico Caprilli. Vita e scritti (Mailand: Edizioni Equestri, 1989), S. 83]


WAS richtet die Rollkur an?

Rollkur verursacht Schmerzen !!

Es entstehen Blutungen in der Schleimhaut im Nasenrachen

Die Luftröhre wird verengt, wodurch die Pferde schlecht Luft bekommen

Die Ganaschen und die Ohrspeicheldrüse werden extrem eingeengt, so genannte Genickbeulen können entstehen und es kann zur Entzündung der Ohrspeicheldrüse kommen

Die Vorderhand, mit allen Sehnen, Faszien, Bindegewebe, Bändern und Gelenken wird vermehrt belastet, bis zu krankhaften Veränderungen

Eine Überdehnung der Halsmuskeln entsteht. Durch das Aufrollen des Halses stauen sich im Ganaschenbereich Fettgewebe und Muskulatur.

Es verhärten sich einzelne Muskelpartien am gesamten Pferd. Es kommt zu massiven Verspannungen, besonders an Hals, Genick und Rücken.

Die Hinterhand gerät immer höher, anstatt sich zu setzen.

Der Orientierungssinn wird sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Pferd kann nicht nach vorne schauen und läuft fast blind durch die Gegend.

Das Kopf-Hals-Muskelsystem, sowie das Rückenband (ligamentum supraspinale) verkrampft besonders stark.

Der lange Rückenmuskel (longissimus dorsi) muss vom Pferd in dieser Haltung angespannt werden, um den Menschen tragen zu können, jedoch handelt es sich bei diesem Muskel um einen Bewegungsmuskel, welcher nicht zum Tragen geeignet ist und dadurch Schaden nimmt.

Der Rücken wird nach unten durchgedrückt oder unnatürlich unter Spannung gebracht, statt von der Kraft der Hinterhand, nach oben aufgewölbt.

Die Herzfrequenz ist bei Pferden, welche in der Rollkur geritten werden, deutlich höher, als solche, welche die Nase vor der Senkrechten tragen dürfen. Ursache: Stress, Angst, Schmerz.

Es können Knochenwucherungen am Hinterhauptbein entstehen, welche die Nutzung als Reitpferd u.U. unmöglich machen.

Die Hinterhand wird blockiert, der Fluss der Energie über den Rücken ist unterbrochen und ein Vortreten der Hinterbeine ist nur unter Schmerzen möglich.

Taktstörungen, schleppende Hinterhand, strampelnde Trabmechanik und Viertaktgalopp.

Es entstehen umfassende, vermeidbare und frühzeitige Verschleißerscheinungen.

Weitreichende psychische und seelische Schäden durch Unterwerfung.



Bei der natürlichen Haltung sind Kehlkopf u. Rachen rosa.
Foto: Stumpe, FU Berlin - Cavallo
Beim aufgerollten Hals entstehen Blutungen.
Foto: Stumpe, FU Berlin - Cavallo



"Klassische Reitkunst gedeiht nur dort, wo der Mensch im Pferd ein ebenbürtiges Geschöpf sieht."
(von Löhneysen)


(c) Dr. Gerd Heuschmann

Eine unumgängliche Position für das junge Pferd um sein neues Gleichgewicht zu finden. Bei weiter ausgebildeten Pferden in der Lösungs- und Entspannungsphase von größter Bedeutung. In der relativen Aufrichtung ist das Nackenband von untergeordneter Bedeutung. Die hier nicht dargestellte Muskulatur im Oberhalsbereich muss Tragearbeit übernehmen. Diese Kopf-Hals-Position muss leider heute sehr häufig insbesondere bei Dressurpferden beobachten werden. Sie schaltet sowohl die Wirkung des Nackenbandes als auch die Oberhalsmuskulatur aus. Die Tragearbeit muss deshalb von der Rückenmuskulatur übernommen werden, was zum Verlust der Verbindung zur Hinterhand mit allen entprechenden Folgeschäden führt.
"Die Feststellung des reinen Ganges, damit die unabdingbare Entscheidung zwischen Schenkelgänger und Rückengänger, ist das erste Erfordernis."
Erich Glahn
Diese Kopf-Hals-Position wird auch als Hyperflexion oder Rollkur bezeichnet. Sie überspannt das Oberhalssystem extrem und hebt über den Wideristhebel den Rücken extrem an. Das Pferd verliert an Dynamik. Auch bei dieser Positionierung der Kopf-Hals-Achse verliert das Pferd die Hinterhand und sein Schwerpunkt verlagert sich auf die Vorhand. Bei Schenkelgänger und Spannrückengänger verstärkt sich der mechanische Verschleiß im Bereich des Binde- und Stützgewebes erheblich.



"Grausamkeit gegen Tiere ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes."
(Alexander von Humboldt)

Thermographie (c) Cavallo -



Nur bei der Arbeit in Leichtheit befindet man sich wirklich in der Reitkunst, alles andere ist Stümperei Unwissender. Leider haben die Dressurvorführungen, die man heute in den offiziellen Wettbewerben sieht, nichts mehr mit der akademischen Reitkunst zu tun. Das ist ein übler Zirkus.
Da sieht man routinierte Pferde, die keinerlei Anmut zeigen und deshalb verliert die Öffentlichkeit den Sinn für die Hohe Schule und das Interesse daran."
(Nuno Oliveira - aus den Briefen an Michel Henriquet)

(c) sustainabledressage




"Idealerweise und theoretisch sollte es keinen Unterschied zwischen der klassischen Schule
und dem Dressursport geben: In der Praxis ist er jedoch vorhanden. Die Ziele sind unterschiedlich.
Das Ziel der klassischen Schule ist es, das Pferd durch eine logische und psychologische Ausbildung zu gymnastizieren.
Der Dressursport möchte den Pferden Lektionen für den Wettbewerb beibringen.
Die Klassische Schule nutzt den Wettkampf nur als krönenden Abschluss der Ausbildung,
um (für die Reiter, die dies wünschen) zu beweisen, dass das Pferd erfolgreich ausgebildet wurde.
Der Dressurszene muss bewusst werden, dass das, was geschieht, weit von den Idealen abweicht.
Sowohl Richter als auch Teilnehmer müssen lernen, dass Dressurreiten angenehme, schöne zufriedene Pferde bedeutet und dass es nur einen Weg gibt, dies zu erreichen, nämlich die stete Anwendung von Psychologie mit einer korrekten langsamen Ausbildung nach den von den großen klassischen Meistern festgelegten Methoden."
(Brigadier Kurt Albrecht)

Wenn man unsere heutigen sportlichen Jungpferde anschaut, könnte man meinen, man bräuchte sich nur in den Sattel schwingen und losreiten... so phantastisch sind sie in der Bewegung und im Ausdruck.
Ob das jetzt ein Sporthaflinger oder ein P.R.E. im Dressurtyp oder das klassische Warmblut ist,
alle haben sie MEHR Bewegung, MEHR Schubkraft und MEHR Vorwärts als noch vor Jahren.
Aber liegt darin nicht auch ein großes Risiko in der Überforderung und oft zu schnellen Ausbildung der Pferde?
Werden die Pferde unter, zwischen und über diesem ganzen MEHR noch wahrgenommen?
Sind wir als Reiter, Ausbilder und auch als Zuschauer auf den weltweiten und heimischen Schauplätzen nicht teilweise geblendet von diesen scheinbar schwebenden, wunderschönen Pferdchen mit ihren fliegenden Beinen,
dass wir Spanntritte, weggedrückte Rücken, eingerollte Hälse und eigentlich verkrampfte (späktakulär aussehende) Bewegungen nicht mehr unterscheiden können von denen eines losgelassenen, rückentätigen
und damit reel gerittenen Pferdes in Balance?
Wie steht es um aller Reiter Wissen in Theorie, Anatomie, Psyche und wo überhaupt ist die Kunst, in der Reitkunst hin??

"Leider ist aber in den letzten Jahrzehnten eine bedauerliche Vernachlässigung des theoretischen Wissens festzustellen; in allen Sparten des Reitsports nimmt die Oberflächlichkeit in erschreckendem Maße zu." (Alois Podhajsky, 1965)

Warum und wie entstand der schreckliche Trend Rollkur und Hyperflexation?
Sind die Reiter/Ausbilder zu faul, zu ungeduldig geworden, ihre Pferde in einer ihnen individuell angemessener Zeit zu gymnastizieren und auszubilden? Haben wir mittlerweile neben dem Fast Food jetzt auch eine "Fast-Riding"- Kultur?
Sind Rollkur & Co. nicht ein Symbol für die ganz offensichtlichen Mängel in der aktuellen "Reitkunst"
und der Unzuglänglichkeiten in Wissen, Theorie und soliden Grundlagen der Reiter?!
Ist man nicht mehr in der Lage diese Powerpakete, Produkte einer Leistungszucht zu kontrollieren?
Muß man die Köpfe der Pferde auf die Brust ziehen, um ihnen Herr zu werden?
Oder liegt es wirklich daran, dass die Freizeitreiter zu wenig über die Anatomie und Biomechanik wissen,
dass sie Ausbildern glauben schenken, wenn ihnen erzählt wird, die Pferde würden sich z.b. "nur so entspannen"?
Es ist nicht zu glauben, aber genauso sieht es aus.
Wo sind die Ausbilder und Trainer die die Reiter nicht nur unterstützen und befähigen diese "Zuchtprodukte" zu reiten, mit Zuhilfenahme der wirklichen Reitkunst, wie sie vor Jahrhunderten schon dokumentiert wurde,
sondern welche auch wieder das WOHLE des Pferdes, die Psyche, die Seele, das Gefühl, die wirkliche Harmonie zwischen Pferd und Mensch in den Fordergrund bringen, überhaupt dafür noch einen Blick haben?
Und wie überhaupt können das die Rollkur-Reiter mit ihrem Gewissen vereinbaren?
Selbst wenn sie keinen blassen Schimmer davon haben, was im Körper des Pferdes in der Rollkur geschieht,
schauen diese Menschen ihren Pferden denn nicht in die Augen?

Was ist mit der Theorie?
Klar: "Reiten lernt man nur durch reiten", aber sollte es nicht eine Selbstverständlichkeit für jeden Ausbilder darstellen, seinen Schülern Grundwissen in Biomechanik, Anatomie, Pferdepsyche und Reitkunst zu vermitteln?
Auch wenn manch alter Reitmeister aus vergangenen Zeiten mit einzelnen Ausbildungsmethoden gearbeitet hat,
welche wir für mehr als überholt und als untragbar ansehen, wurde dennoch das Pferd grundsätzlich unglaublich geachtet, respektvoll behandelt und es galt die Anmut, den Stolz, das Individum mit seinen Talenten zu erhalten und zu fördern, statt es sich unterwürfig und gefügig zu machen!
Körper UND GEIST lag gerade bei den Altmeistern im Focus!
Noch bevor der Reiter seinen Fuß auch nur in einen Steigbügel stellen durfte,
wurde gesprochen, erklärt, zugeschaut, Wissen weitergegeben und Theorie gepaukt.
Die Reiter von heute müssen zurück an den Theorietisch und wieder lernen zu fühlen!
Es müsste zur Pflicht und zur Selbstverständlichkeit werden, die Schulbank für ein umfassendem Grundwissen drücken zu müssen, Wissen in allen großen Bereichen: Haltung & Fütterung, Bewegungstraining, inkl. der natürlichen Schiefe des Pferdes, Hufgesundheit, Ausrüstung und Psyche zu erlangen, ehe ich mich alleine mit einem Pferd beschäfige.
Und sooo vieles müsste erst gar nicht gepaukt werden, wenn mehr Menschen mehr FÜHLEN und mehr NACHDENKEN würden; denn selbstverständlich gibt es für das Pferdewissen keinen besseren Lehrmeister als die Pferde selbst!

"Wer gut mit Pferden umgehen kann, der hört sie sprechen.
Wer sehr gut mit Pferden umgehen kann, der hört sie flüstern.
Aber wer nicht mit Pferden umgehen kann, der hört sie nicht einmal schreien."


Wo findet man noch reiterliche Vorbilder?? In der Weltspitze??
Fotodoku von S. Scheuble: Gedächtnisturnier DS 1. Platz Anky van Grunsven
Wann endlich fangen Zuschauer an aus zu buhen, aufzuschreien und solche Reiter von ihren gequälten Pferden zu holen?
VIDEO: Schwedischer Dressurreiter Patrik Kittel beim Weltcupdressur-Turnier
Wohin entwickelt sich unser Reitsport und der Umgang mit Pferden?
Und wer bietet dieser ganzen Grausamkeit Einhalt? Die FN? Die FEI? Offensichtlich nicht!
Im Februar 2010 verbietet die FEI zwar endlich offiziell die böse böse Rollkur:
"Jede Kopf- und Halsposition, die durch "aggressive Kraft" entstehe, sei nicht akzeptabel und müsse sanktioniert werden. Rollkur sei klar auf aggressives Reiten zurückzuführen und somit nicht akzeptabel.";
der Witz oder besser der Teufel liegt allerdings im Detail, denn die Schlaumeier nennen das Ding ganz einfach um:
Die neue "Rollkur" heisst jetzt LDR = Low, Deep and Round; ja ist es denn zu fassen???
Und ein Herr Kittel aus dem obigen Link, welcher nur Einer unter Vielen ist, ist im selben Monat auch wieder fein raus. Er muss sich nicht vor dem FEI-Tribunal verantworten, denn die FEI meint ernsthaft:
"Zeugenbefragungen und das vorliegende Maertial reichten nicht aus, um zu belegen,
dass Kittel sein Pferd durch Rollkur/Hyperflexion misshandelt habe!"
Ganz ehrlich: Mir fehlen die Worte :o(

"Das Pferd steht für das Urvertrauen des Sich-Tragen-Lassens.
Diese Haltung bedeutet, sich dem Leben zu öffnen, sich vom Strom des Lebens tragen zu lassen."
(Klaus Ferdinand Hempfling)

Aber nicht nur im Sportbereich, nicht nur dort wo die "neuen Bewegungskünstler" irgendwie zu managen sind,
hat sich die Einstellung, die komplette Sichtweise und die Lerninhalte der Trainer und Reiter verändert.
Auch bei den Freizeitreitern, in den Reithallen der kleinen und größeren Pensionsställe stellen wir eine völlig verdrehte Sicht und Denke bei Reitern, wie Ausbildern fest: Immer weniger Wert wird auf die reitliche Ausbildung gelegt, das Pferd steht "falsch" im Focus, nämlich dass es den Kopf auch ja unten behält, diese und jene Lektion auch sauber auszuführen hat, schlechtes Benehmen zu sanktionieren ist und die geforderte Leistung auch ja vom Pferd erbracht wird. Und was ist mit den Menschen? Mit den Reitern?
Die Ursache sitzt im Sattel! Der Mensch hat das Pferd zu dem gemacht, was es ist und der Reiter formt das Pferd.
Dass das Pferd seinen Kopf hochreisst, faul ist, stehen bleibt, bockt oder wegrennt, "Lektionen" nicht sauber bewältigt oder "Untugenden" zeigt, weil sein REITER unfähig ist, er überhaupt keine reele Verbindung zu seinem Pferd hat, weder emotional, noch körperlich und meist selbst oben drauf hängt, "wie ein Schluck Wasser in der Kurve", auf sowas, liegt heute anscheinend nicht mehr die Priorität!
Stattdessen hören wir regelmässig Sätze, wie "Rechts, Links, annehmen, nachgeben .. immer schön im Wechsel", "Der Kopf muss runter. Das ist erst mal das Wichtigste!", "Du hälst gegen, der/die muss nachgeben!",
"Wenn der einfach immer wieder stehen bleibt, musst Du halt die Gerte nehmen!" .... ach.. die Liste ist lang und traurig.

"Anmut ist eine schöne Zierde der Kunst.
Ohne Anmut gibt es kein feines Reiten und ohne Feingefühl kann man nicht an Kunst denken.
Härte, Gewalt und Kraft sind die Mitgift der Mittelmäßigen, die niemals wahrhaftig sein wollen."
(Nuno Oliveira)

Auch wenn alte Reitmeister wie Xenophon, Antoine de Pluvinel, o.g. Oliveira, Steinbrecht oder Spohr
vor Jahrzenten oder gar Jahrhunderten schon predigten, dass wir Menschen, die Reiter es sind,
die in erster Linie ihre Fertigkeiten, Kentnisse und Bewegungen schulen und bilden müssen,
ehe sie davon sprechen könnten, ein Pferd "auszubilden" oder es auch schlicht "nur" zu reiten,
scheint dieses Wissen heute fast verloren gegangen zu sein!
Selbst Kinder lernen in Reitstunden heute wie sie ihr (Schul-) Pferd dazu bringen, dieses oder jenes so oder so zu tun und nicht, das sie es sind, die in erster Linie von den Tieren lernen und das wenn sie diese Tiere reiten und mit ihnen umgehen möchten, sie sich selbst im Bild nicht vergessen dürfen; sie lernen können zu fühlen, hinzuhören, was ihr FREUND, das Pferd ihnen "sagen möchte". Denn genau dieses tun Kinder eigentlich von ganz alleine, wenn man sie nur lassen würde. Sie sind unbedarft, unbefangen, frei von Theorie, aber mit massig Gefühl, Empathie und einem reinen Körpergefühl! Anstatt diese wunderbaren Fähigkeiten zu fördern, zu erhalten, presst man sie in Normen, lässt sie mit 14 anderen Reitschülern im Kreis herumreiten und ruft ihnen Sachen zu, wie: "Hacken tief", "Knieschluss", "jetzt treib den faulen Gaul doch mal vorwärts" usw., dazu reißen sie bereits an den Zügeln, im Maul herum und selbst die kleinsten Würmchen haben schon Sporen an.
Pferde sind in der Lage die Persönlichkeit eines Kindes und jedes Menschen zu fördern,
die menschliche Motorik zu verbessern, sich selbst und seinen Körper wahrzunehmen und zu erfühlen,
zu spiegeln wie wird sind und uns zu helfen zu uns selbst zu finden; und das alles auch noch spielerisch, WERTFREI und mit einer wundervollen Leichtigkeit. All das könnten Kinder aus einer Reitstunde mitnehmen!

Behinderte Kinder innerhalb einer pferdegestützen Therapie erleben dieses, eben weil der Focus dort anders liegt.
In unserer Gesellschaft, mit all den amok laufenden Teenagern, den Computerspielen, Handy´s
und eben mit der biologischen Maschine Pferd, wird es täglich verpasst unseren Kindern den Weg
zu ihren eigenen Gefühlen zu weisen, sie mit Freude und Unbeschwertheit zu kongruenten
und authentischen Persönlichkeiten zu fördern, welche letztlich dadurch zu glücklichen
und mit sich zufriedenen Menschen heranwachsen würden. Doch was kommt raus?
Ein Reitervolk das in Zeiten von Rollkur & Co. wegschaut, seinem eigenen Bauchgefühl nicht traut
und den Mund hält, statt auszubuhen, Kritik zu äussern, zu hinterfragen und wahrzunehmen,
was in den Augen der Pferde geschrieben steht. Wer gibt den Pferden heute noch eine Stimme?
Es fängt im Kleinen an! Jeder kann etwas bewirken!
Wir bräuchten keine "Inspektoren" auf den Tunierplätzen der Welt, wenn JEDER kritisch wahrnehmen würde, was sein Stallkollege neben ihm in der Bahn treibt. Schaut in die Gesichter der Pferde und fragt ihre Reiter respektvoll, warum sie ihren Pferden das antun!

"Eine Brücke muss geschlagen werden vom Einst zum Jetzt, da es um Werte geht, für die es keinen Denkmalschutz gibt. Und doch ist es so nötig, ethische Grundbegriffe vergangener Zeiten im heutigen Denken und Handeln neu zu verankern. Das einst Selbstversändliche muss heute gezielt gelehrt und gelernt werden: Eigenschaften und Fähigkeiten, die letztlich für den Umgang mit Menschen genau so notwendig sind wie für den Umgang mit Pferden.
Pferde verlangen Distanz, sie haben sich in der Geschichte ihres Dienstes mit dem Menschen
nie gemein gemacht. Nur wer Pferde als freie, lebendige Partner und als Geschöpfe Gottes anerkennt, wird den Adel ihres Wesens und schließlich ihre Zuneigung erfahren.
Und er wird etwas gewinnen, was über die Fertigkeit im Sattel weit hinausgeht:
Einen stolzen Diener -- statt einen unterworfenen, aufsässigen Knecht.
Und nur ihm wird sich offenbaren, was es heißt, Mensch zu sein: teilhaftig der Natur
und doch ihr nicht verhaftet, sondern ihr Herr. Darum ist -- und bleibt -- Reiten eine Schule der Menschlichkeit."
(Hans-Heinrich Isenbart)

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