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Es geht nicht um Schönheit oder Leistung, sondern allein um Verständnis und Gemeinsamkeit.
(Christine Sander - Study Horsemanship)



Rivaldo´s Weg aus der Rollkur - zu neuem Vertrauen

Als Rivaldo mit 4 Jahren zu uns kam, war er bereits gearbeitet und geritten.
Wer seine VITA gelesen hat, weiss, dass Rivaldo wenig seiner Kindheit leben durfte,
er bereits als 'kleiner Mann' hart arbeiten musste und das all dies seine Spuren hinterlassen hat.
Wir hatten zwar ein wunderschönes junges Pferd, jedoch zeigte sich im gesamten Umgang,
dass man eigentlich eher von einem "jungen Korrekturpferd" sprechen musste.
Ein sog. "Problempferd" hat der Mensch aus ihm gemacht.
Auf die Welt kam auch Rivaldo als kleines, unbedarftes Fohlen, das neugierig auf die Welt,
auch die Menschenwelt war, doch die Menschen lehrten ihn Schmerzen, Unterdrückung und Zwang.
Pferd durfte er nicht sein und wenn, dann nur ein Dressurpferd bitte.
Wir konnten nicht bei Null langsam, mit Bedacht und einem sinnvollem Konzept für das ungerittene Pferd starten,
denn unser gemeinsamer Weg begann irgendwo im Minus. Doch genauso sah es aus:
Wir begannen ganz von vorne und versuchten jeglichen Umgang neu zu definieren.

Rivaldo ist ein 'Zuchtprodukt', mit enormer Bewegung, Raumgriff, Schubkraft und Power.
Doch genau aus diesem Grunde ist auch seine natürliche Schiefe sehr ausgeprägt.
In der Kombination des viel zu frühen, falschen Anreitens, den nicht artgerechten Haltungsbedinngungen,
der Tatsache dass er bereits mit 2 1/2 Jahren beschlagen wurde und der alles andere als pferdgerechten Fütterung, ist auch die nicht beachtete natürliche Schiefe ausschlaggebend als die Ursache seiner Erkrankungen zu sehen.
Seelisch, wie körperlich (Hufrolle, Arthosen)!
Seine "Ausbildung" vor uns hat große, traurige Spuren hinterlassen und die Summe aller Dinge,
so auch die Art des Trainings, welcher Rivaldo ausgesetzt war, haben ihn zu dem gemacht, was er war:
Einer Marionette des Menschen, welche versucht die Fäden, die ihn führen und halten möchten, zu zerreißen!
Wörtlich, im physischen, wie psychischen Sinne.
Umso wichtiger war und ist also eine anatomisch sinnvolle, einfühlsame und pferdegerechte Ausbildung
und der sensible, liebevolle Umgang mit dem allergrößten Verständnis für dieses Individuum!

"Der Bereiter muss daher seine Kunst hauptsächlich auf schwache und ungünstig,
ja selbst fehlerhaft gebaute Pferde verwenden und bei diesen letzteren die Dressur zur Heilgymnastik erheben.
In der Medizin hat man sich überzeugt, dass Verkrümmungen des menschlichen Körpers
oder krankhafte Zustände einzelner Glieder nicht durch eiserne Maschinen,
sondern nur durch entsprechende Übungen geheilt oder gemindert werden können.
So kann der Bereiter bei recht klarem Verständnisse seiner Kunst viele natürliche Mängel
und Übelstände beim Pferde beheben, und bei solchen Fehlern und Gebrechen,
die durch Missbrauch oder Unverstand früherer Reiter demselben beigebracht sind,
oft wahre Wunder wirken, indem er sie durch entsprechende Richtung des Pferdes oft gründlich zu heilen vermag, nachdem alle tierärztliche Hilfe vergebens angewendet war.
Leider ist es unglaublich, wie viel Unverstand gerade in dieser schönen Kunst zutage tritt,
weil jeder unfähige oder leichtsinnige Mensch sein Glück als Bereiter versucht.
Ohne jede wissenschaftliche Erkenntnis seiner Aufgabe, oft selbst ohne die nötige körperliche Befähigung dazu, beginnt er nun, das edelste Geschöpf unserer Tierwelt handwerksmäßig,
wie der Tischler das Holz, nach der Schablone zu bearbeiten und ruht nicht eher als bis er die Gesundheit des Pferdes ruiniert hat und schiebt dies dann auf die schlechte Beschaffenheit des Pferdes."

(Gustav Steinbrecht, Begründer und Vater der deutschen Reitlehre in: "Das Gymnasium des Pferdes")

1) Losgelassenheit am langen Zügel

Am Anfang stand keinerlei Zügelkontakt, da Rivaldo sich sofort aufrollte, sobald man den Zügel nur leicht berührte.
Erschwernd hinzu kam seine Flucht vor dem Reiter, aus Angst vor Anforderung und Leistungszwang.
Innerliche und äußerliche Losgelassenheit war das erste Langzeitziel und auch heute noch,
gilt es in jeder Zusammenarbeit dieses als Erstes zu erreichen.
Ein Geist und ein Körper ohne Angst und Verkrampfung bilden die Basis jedweder Zusammenarbeit,
die freiwillige und freudige Mitarbeit von Rivaldo sind zu jedem Zeitpunkt die Grundvoraussetzung.
Oft verlagerten wir diese Übung auch ins Gelände, denn auch hier war Rivaldo schnell 'auf 180',
besonders wenn ich im Sattel saß. Wir gingen viel und ausgiebig spazieren und zwischendurch trug mich Rivaldo ein Stück.
Ohne Sattel und nur mit Halfter entfielen auch die auslösenden 'Trigger',
die in Rivaldo die Erinnerung an Druck, Kommando und Leistung weckten.
Er spürte, dass es Spaß macht, wenn wir beide unsere Zeit miteinander verbringen.
In dieser Phase war es vollkommen o.k., dass Rivaldo sich auf der Vorhand abstütze,
die Nase ganz tief nahm und im Grunde nur locker mit mir oben drauf 'daher bummelte'.
Wichtig war das neue Gefühl von keinerlei Forderung des Reiters, von Gemeinschaft und Entspannung MIT dem Menschen. Diese Basis ließ Vertrauen wachsen und weckte ganz langsam in Rivaldo die Lust eigene Ideen miteinzubringen. Geduld ist eine Tugend, welche wir von und durch Pferde lernen können.
Sicherlich hat jeder sein persönliches Ziel, doch die Schönheit des Hier und Jetzt darf nicht vergessen werden.


2) Selbsthaltung in leichter Anlehnung

Nachdem sich Rivaldo mehr und mehr entspannte und wieder Freude an der gemeinsamen Arbeit mit dem Menschen fand, konnten wir beginnen in einen ganz sachten Zügelkontakt zu kommen.
Einzig hierbei wichtig war, dass er seine Angst vor den Zügeln, der Reiterhand verlor,
sich nicht direkt wieder einrollte, sondern diese vertrauensvoll als Begleitung annahm.
Ein 'über den Zügel kommen' war hier kein Fehler, sondern der erste Schritt in eine reele Anlehung und ein ganz wichtiges Zeichen für Rivaldo selbst, dass er die Möglichkeit zur Mitteilung hat und 'NEIN' sagen darf.
Er bemerkte nach und nach dass darauf kein herunter riegeln folgte, er keine Schmerzen zu befürchten hatte, sich stattdessen fallen lassen und seine individuelle Balance finden kann.
Parallel dazu begannen wir mit einem einfachen Schultervor im Schritt,
um Rivaldo eine Idee des äußeren Zügels und der Bedeutung des inneren Hinterbeines zu geben.
Dieser erste Schritt hatte direkte, positive Einflüsse auf seine natürliche Schiefe unter dem Reiter
und mir schien, als wurde sich Rivaldo zum ersten Mal seiner Hinterhand bewusst.
Die erste, ganz vorsichtige Lastaufnahme auf dem inneren Hinterbein fiel Rivaldo besonders
auf der rechten Hand schwer, doch er bemühte sich sehr, da er verstand, dass ihm dieses zu einer besseren Balance verhelfen kann. Er sah die Absicht hinter dieser Übung und dass es um sein persönliches Wohl,
seine Entwicklung geht.


3) Dehungshaltung

Je mehr das Vertrauen in den Reiter und dessen Hand wuchs, desto mehr begann Rivaldo die Anlehung zu suchen und sich vorwärts-abwärts zu dehnen. Wie bei einem austarieren auf einer alten Waage tasteten
wir uns beide vorsichtig an einen gesunden Spannungsbogen heran.
Anders als zu den Zeiten des langen Zügels, während der Erarbeitung der Losgelassenheit,
sollte hier die Nase nicht im Sand hängen und die Hinterhand schlurfen dürfen, sondern wir
versuchten ein Gleichgewicht zu finden, zwischen einer etwas höheren Kopfposition in Selbsthaltung
und ersten Momenten der Dehnung in ein Vorwärts-Abwärts, natürlich OHNE dabei hinter die
Senkrechte zu geraten. Ein Unterfangen was leicht klingt, aber durch Rivaldo´s Vorgeschichte
immer noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird.
In Unsicherheitsmomenten, wenn sich etwas in der aktuellen Umgebung verändert oder Rivaldo
etwas beängstigendes sieht, verschließt sich das Genick und die Nase geht hinter die Senkrechte.
Ein Verhaltensmuster das Liebe und Geduld braucht, bis es sich nach und nach auflöst.
Auf dem Weg in die Dehnung und wenn der Reflex des Einrollens doch wieder kommt,
helfen Rivaldo sanfte Aufwärtsparaden, sein Genick wieder zu öffnen und seine Ober- und nicht Unterlinie
zu gymnastizieren. Die Reprisen in dieser anstrengenden Dehnung, mit aufgewölbtem Rücken waren anfangs nur sehr kurz, auch heute gibt es noch "schlechte Tage", doch es bessert sich stetig.
Immer folgt auf ein gelungenes Vorwärts-Abwärts ein langer Zügel und/oder eine Schrittpause.
Auch das Schultervor, welches sich mit der Zeit ganz langsam zu einem Schulterherein entwickelte,
half Rivaldo, ein Gefühl dafür zu bekommen, wohin der Schwerpunkt zu verschieben ist und wo das Zentrum der Kraft liegt. Es ist sehr anstrengend und nicht leicht für ein Pferd zu verstehen, seine Last nicht auf die Vorhand, den Schultern abzustützen und die Hinterbeine nicht nur zum Schieben zu nutzen.
Der spanische Schritt war Rivaldo´s Lieblingsübung und er gab ihm gerade in solchen Momenten
eine Idee davon, wie es sich anfühlt, vorne 'leicht' zu werden und die Hanken zu belasten.
Wichtig hierbei ist das taktmässige Mittreten der Hinterhand, da sonst diese Übung einzig den Kopf-Arm-Muskel trainiert und das Pferd mehr noch in zwei Hälften, vorne und hinten spaltet. Tritt die Hinterhand aber gleichmässig mit und wird das Gewicht auf die Hanken dabei korrekt verlagert, kann diese Imponiergeste nicht nur dem Körper, sondern auch dem Kopf helfen, denn das Pferd fühlt, wie wunderschön und erhaben es sein kann.
Selbstwertgefühl ist für jedes Pferd und gerade für ein Ex-Rollkurpferd, wie Rivaldo extrem wichtig.
Übungen wie das Halten und Antreten, die Vorhandwendung, sowie das Rückwärtsgehen helfen auch,
die Idee der Hankenbelastung zu vermitteln, jedoch sind sie für den tempramentvollen Rivaldo auch eine große Herausforderung, weswegen ich mich bemühe, hier eine Ausgewogenheit zu schaffen, die die Freude an der Zusammenarbeit erhält und fördert. Die Übungen und die Ausbildung muss sich immer an der Persönlichkeit des Pferdes orientieren und darf niemals stumpf und stur nach Plan absolviert werden.
Pferde, die einen nicht so agilen Charakter haben wie ein Rivaldo sind dagegen vielleicht sehr glücklich
mit diesen Übungen, denn sie geben einen Moment Pause zum Druchatmen und das Stehenlassen wirkt positiv verstärkend.

Es bleibt dem klugen Reiter überlassen, die Grundlagen ganz nach Bedarf mit Vorsicht
und Einfühlungsvermögen bei seinem Pferd anzuwenden ...
bei bestimmten Dingen kann man keine eindeutigen Regeln anwenden,
weil Pferde nicht alle gleich sind!
(Antoine Pluvinel)

Erst wenn eine reele, konstante Dehnungshaltung erreicht, das Schulterherein auch im Trab zur Routine geworden ist
und die äußerliche, wie vorallen Dingen die innerliche Losgelassenheit bei Rivaldo eine Selbstverständlichkeit sind, werden wir weitere Schritte auf dem Weg der Ausbildung gehen.

Richten Sie sich nicht nach Ausbildungsplänen oder wie weit der 4 Jährige im Nachbarstall bereits ist, sondern hören Sie auf und in Ihr Pferd. Nur Ihr Pferd kann Ihnen sagen, was als Nächstes folgt
und das Pferd bestimmt den Ausbildungsweg, sowie dessen Dauer und Zeitspanne.
Der Weg ist das Ziel und Qualität steht immer vor Quantität!





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